Iris Kettner
9.9.- 14.10.2006, Delikatessenhaus, Leipzig
Iris Kettner, Jahrgang 1968, absolvierte nach dem Abitur eine Ausbildung als Gürtlerin in Köln und studierte von 91- 97 an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein die Fachrichtung Metall. Inzwischen lebt und arbeitet sie als freischaffende Künstlerin in Berlin. Das sind erst einmal nur biographische Eckdaten, was sich dahinter verbirgt und wesentlicher ist, zeigt sich viel mehr in der Entwicklung ihrer künstlerischen Arbeit, bei der sich schon zu Studienzeiten ein Thema herauskristallisiert hat, das Iris Kettner mit großer Konsequenz verfolgt und vertieft. Man könnte es mit „Sammeln- und Bewahren wollen" , auch mit „Konservieren" umschreiben. Schon 1998, im Halle nach der Wende, beschäftigt sich Iris Kettner mit den „Restposten" des Lebensalltags der ehemaligen DDR. Sie wertet die weggeworfenen Produkte auf, indem sie im reichen Zürich einen Kunstautomaten aufstellt, in welchem jene abgelegten Dinge der Ost-Zone als Kunst zu erwerben sind, und diese so erneut in den Konsumkreislauf eingeschleust werden. In einer anderen Aktion ging die Künstlerin einem weiteren typischen Ost- Phänomen auf die Spur. In Einkaufssituationen fielen ihr die typischen Nylon- Taschen auf, die wohl in fast jedem DDR-Haushalt anzutreffen waren. In Zeiten der aufkommenden Plastetüte nähte sie daraufhin eigene Entwürfe von Einkaufstaschen, welche sie den Hallensern zum Tausch gegen die ihrigen anbot und darüber ins Gespräch kam. Das Konservieren ist wie das Nähen eine häusliche Tätigkeit, man denke nur an die Tätigkeit des Einmachens und damit Konservierens von Früchten und Gemüse. Es ist auf die Symbolebene gehoben erhaltendes, schützend-häusliches Verhalten, das ihrer Kunst zugrunde liegt. Mit der gegenwärtigen Konzentration auf Bekleidung führt die Künstlerin durch den Akt des Nähens die Kleidung wieder ihren ursprünglichen Funktionen, wie Schutz, und Abgrenzung nach außen, entgegen. Jede der hier gezeigten Figuren ist aus gesammelten Altkleiderlumpen geformt, die mit Klebeband über Holzkonstruktionen gewickelt und mit gebrauchten Kleidungsstücken angezogen wird. Bewusst sehr grob und direkt in ihrer Ausführung. Die Wahl, mit solchen unnoblen, armen Werkstoffen zu arbeiten ist eine bewusste Entscheidung, die sie u.a. mit dem Künstler Thomas Hirschhorn gemein hat. Ebenso wie er möchte Iris Kettner zeigen, dass Kunst nichts mit Luxus zu tun haben muss. Hirschhorns Slogan „Energie ja- Qualität nein" findet ihre Sympathie, doch im Unterschied zu ihm dienen die minderwertigen Materialien bei Iris Kettner nicht als Widerstand gegen kulturelle Missstände. Wie schon erwähnt, zeugt der künstlerische Gestus von Iris Kettner vielmehr von einem Bedürfnis des Sammeln-und-Bewahren-Wollens, dem eine Wertschätzung der Dinge vorweg geht. Bereits getragene, gefundene Kleidungsstücke erzählen Geschichten über den Träger, dessen körperliche Maße und modische Vorlieben. Doch nicht die Rekonstruktion des bereits stattgefundenen, gelebten Lebens interessiert Iris Kettner. Indem sie den Kleidern einen neuen Körper zur Verfügung stellt, lädt sie diese mit neuen Inhalten auf, gibt ihnen also eine neue Identität, quasi ein zweites Leben. Wer ist also ANGEBOT (so ihr Name), wer ist diese androgyn wirkende Frau mit dem roten Sakko, welches leger auf den Schultern liegt ? Auf Anhieb vermutet man eine sozial unterprivilegierte, füllige Dame mittleren Alters. Eine ärmliche Gestalt des urbanen Großstadtlebens. Allem zum Trotz geerdet, offen, stolz. Auf den zweiten Blick verliert sich das vertraute Bild. Diese Irritation wird zum einen durch die Gegensätzlichkeit von Bekleidungscode und ihrer Funktion als „spiritueller Dienstleister" ausgelöst, das suggeriert zumindest ihr Name. Zum anderen verwirrt der unsägliche Kopf. Die Kombination der wirklichkeitsnahen Figur mit dem unkonkreten, befremdlichen Antlitz erzeugt eine merkwürdige Spannung zum konkreten Umraum. Diese Uneindeutigkeit macht die Attrappe sichtbar, um, wie die Künstlerin selbst sagt, „Leerstellen zu besetzen und Ungedachtes zu denken." Iris Kettner positioniert ihre Figur auf einem Sockel, so wie Skulptur jahrhundertelang präsentiert wurde, von den Reiterdenkmälern der Renaissance und des Barock bis zu den bürgerlichen Statuen großer Persönlichkeiten im 19.Jh. Die dem Betrachter darüber aufgezwungene Untersicht suggeriert Überlegenheit, welche jedoch durch das verwendete Material- Pappe und braun- glänzendes Paketklebeband sowie die an Jahrmärkte und Kleinmessen erinnernde Beleuchtung ironisiert wird. Das Unnoble markiert den Übergang von elitärer Tradition hin zu ihrer Verkehrung. Vielleicht spiegelt auch dieser formale Antagonismus (also Sockel- aber „schäbig") die allgemeine Ambivalenz der breiten Masse gegenüber dem Thema der Figur wider: Spirituelle Energie, für den einen Hokuspokus für den anderen emotionaler Rückhalt. Mit der Figur „ANGEBOT" thematisiert Iris Kettner die sich in den letzten Jahren verstärkende Hinwendung zu esoterischen oder magischen Ritualen, Methoden, Techniken. Iris Kettner weist ihre Figur explizit als Kanal kosmischer Energie aus. Das erkaufte Know- how einer Berliner Hexe gestattet es der Künstlerin, die Figur nach deren Vollendung mit positiver Energie aufzuladen. Die Figur wiederum ist befähigt, diese auf Wunsch an den Bittsteller zu weiterzuleiten. Der Beutel zu Füßen der Figur suggeriert einen Ort für Geschenke. Vielleicht steckt ein „ANGEBOT" im Beutel. Die Tasche fungiert zum einen als Attribut des Gebens, ist aber eben auch Indiz für das Aufheben, Sammeln und ein unmissverständlicher Verweis auf das Typische an der Arbeit von Iris Kettner. Also agiert „ANGEBOT" im Zeitraum der Ausstellung als Projektionsfläche von Wünschen und Sehnsüchten des Betrachters. Skulptur als stoffliche Darstellung spiritueller Energie, Skulptur als Vehikel auf der Suche nach persönlichen Sinnfragen. Das Interesse an metaphysischen , sich wissenschaftlich nicht eindeutig erklärbaren Praktiken, ist unterschiedlich motiviert. Für den einen mag es die Suche nach sich Selbst und der Wunsch nach persönlicher Entwicklung sein, beim anderen sind es Zäsuren, die Krisen auslösen und eine Neuorientierung erfordern, ein wieder anderer fühlt sich ausgepowert und möchte neue Kräfte tanken. Die Hinwendung zu esoterischen Praktiken ist kein neues Phänomen unserer Zeit. Der fortschreitenden Aufklärung des 18. Jahrhunderts folgte um 1800 die romantische Konversion zum Mittelalter und die Flucht in Innerlichkeit und ins Übernatürliche, den naturwissenschaftlichen Fortschritten des 19. Jahrhunderts antwortete um 1900 die Neigung der Künstler zum Okkultismus. Seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts boomt erneut die Übersinnlichkeit. Die ökonomische Rationalisierung im 20. Jahrhundert ruft den Wunsch nach der ekstatischen Erfahrung des Nicht-Rationalen hervor - alle hundert Jahre, so scheint es, erfasst die westliche Zivilisation für einige Jahre der Überdruss an sich selbst. Vorübergehend genießt sie den Zauber, um sich von der unablässigen Entzauberung zu erholen. Der Markt ist breit und ausdifferenziert. Versprochen wird vieles: Lebenshilfe, religiöse Sinngebung, Gesundheit, Wohlstand, Wissen über die Zukunft. Nie ausgestorben sind die eher traditionellen Formen des Aberglaubens, wie z.B. Astrologie, Hexenrituale oder das zwischenzeitlich bei Jugendlichen sehr beliebte Tischerücken und Pendeln. Aber auch von Modereligionen wird berichtet: Madonna tut es, Tom Cruise, Mick Jagger und auch Demi Moore- das Bekenntnis zu religiösen Strömungen wie z. B. der jüdischen Geheimlehre Kabbala wird zum Zeitgeistphänomen. Was viele Menschen an Esoterik und fernöstlichen Religionen anspricht, ist das Versprechen von Glückseligkeit und dem Zur-Ruhe-Kommen. Und dieses Ideal von tiefer Zufriedenheit ist ziemlich attraktiv auch in einer Gesellschaft wie der hiesigen, in der sich viele abmühen mit den ihnen aufgehalsten Zwängen und trotzdem mehr schlecht als recht damit zu Rande kommen. Indem der Betrachter eingeladen wird, sich Gutes zu tun, kosmische Energie zu empfangen, die Figur zu berühren...wird der ehemals passive Betrachter in einen kreativen Prozess eingebunden. Damit steht die Arbeit Iris Kettners in gewisser Weise in der Tradition von Kunstrichtungen der 60er und 70er Jahre, von Fluxus und Happening, als Kunst erstmalig interaktive und partizipative Aspekte aufnahm. Bewusst sucht Iris Kettner zunehmend die Öffentlichkeit des Stadtraums, um die gesellschaftliche Relevanz ihrer Arbeit zu prüfen. Erinnert sei hier an die eingangs erwähnte Arbeit Superheroes, bei der vier wirklichkeitsnahe Figurenattrappen, die sie selbst als „Sozialtest- Dummies" bezeichnet, auf dem Bahnsteig des U- Bahnhofes Alexanderplatz platziert wurden. Alle Puppen trugen Stoffmasken, die denen von Superhelden aus der Comicwelt ähnelten. Die maskierten Mischgestalten riefen eine extreme Bandbreite von Reaktionen hervor, die durch Fotos und Video dokumentiert worden sind. Tagsüber wurden die Figuren umstandslos von ihrem Publikum regelrecht wie ein wiedergefundenes Familienmitglied adoptiert. Sie wurden begrüßt, umarmt, mit Handykameras fotografiert. Nachts jedoch entlud sich an ihnen die Aggression vornehmlich junger Berliner. Sie wurden zum Teil völlig zerstört. In Chemnitz unternahm sie mit ihren Figurenattrappen einen Vorstoß, die für die Stadt so typischen großen, weitläufigen und menschenleeren Plätze zu bevölkern und anzufüllen. Eine der Puppen wurde nachts von der Polizei kontrolliert und das zuständige Revier informiert. Das Delikatessenhaus, als ein herkömmlicher Ort der Präsentation bietet ihren Objekten jedoch Schutz. Schutz vor Kälte, Nässe und vor Anfeindungen, so wie ein Wohnzimmer, eine Wärmestube eben. Und doch ermöglicht er durch die breite Schaufensterfront eine starke Präsenz der Figur und die Anteilnahme durch die Bewohner oder Besucher des Viertels. Mit einer Handzettel- Aktion machte Iris Kettner auf die Möglichkeit aufmerksam, sich Wünsche zu erfüllen, sich Gutes zu tun. In der Bildserie „Fotos in Berlin", welche im mittleren der hinteren Räume des Delikatessenhauses zu sehen ist, lässt Iris Kettner ihre „Dummies" als imaginäre Familienmitglieder in einem von Türken betriebenen Neuköllner Fotostudio ablichten. Hierfür schleppte Iris Kettner ihre Figuren aus dem Atelier quer durch die Stadt. Beispielhaft für die anderen Abgelichteten präsentiert sie uns ein Paar, so auch der Titel der Arbeit, welches sich im ersten Raum hinter der Treppe mit sich selbst beschäftigt. Wieder vermutet man auf den ersten Blick reale Existenzen, auf den zweiten Blick entschlüsselt der Dresscode sowie die rohe Ausführung den Kontext der Situation. Iris Kettner fügt hier die Skulptur wieder in den ihr vormals entzogenen, sozialen Raum ein, gibt ihr somit ihren Alltag zurück. Für uns bleibt die Möglichkeit, das Wissen um diesen Alltag in den unsrigen wiederaufzunehmen.
Leipzig, 9.9.2006
Roswitha Riemann





