white blood steps
Ins Bild zu bringen, was sich dem Blick entzieht: In seiner Arbeit white blood steps wendet sich Bruno Augsburger neuen fotografischen Verfahren zu und bringt diese – quasi als Experiment – im kanadischen Yukon zur Anwendung. In früheren Arbeiten des Fotografen war die Kluft zwischen Bild und dem unmittelbaren Erlebnis auf seinen Streifzügen durch die nördlichen Wälder massgebend. Im Zentrum stand die sehr persönliche Beschäftigung mit der Erfahrbarkeit von Natur. Nun radikalisiert Augsburger seine Perspektiven und wirft Fragen nach der Darstellung auf, welche auch die Technik der Kamera unmittelbar betreffen. Dafür wählt er die Themen „Whiteout“ und „Elchjagd“. An ihnen zeichnen sich die Extreme des eisigen Nordens ab.
white. Als „Whiteout“ wird die diffuse Helligkeit bezeichnet, die sich bei schneebedeckter Umgebung und gedämpftem Tageslicht einstellt. Wenn Himmel und Boden ineinander übergreifen und die Konturen verschwinden, befällt den Menschen das Gefühl, sich in einem unendlichen Raum zu befinden. Wegen des drohenden Orientierungsverlusts bildet das Whiteout ein gefährliches Phänomen, das in erster Linie den Menschen, aber auch die Kamera an ihre Grenzen führt. Ein Whiteout zu fotografieren – Augsburger hat im Yukon mehrere erlebt –, das stellt vor die Aufgabe, die Bildlosigkeit ins Bild zu bringen. Keine Farbstufen und keine Formen bestimmen die Belichtung, und doch bedarf es der Anspielung aufs Bild, um eine Ahnung vom Verlust des Motivs und der Unzulänglichkeit der Technik zu geben.
blood. Dem Moment der Desintegration stellt Augsburger die innerste und kostbarste Materie der kanadischen Schneelandschaften gegenüber. Der warme Leib des frisch erlegten Elchs hält die Lebensenergie gebündelt, dank welcher das Tier und einst auch der jagende Mensch sich gegen die Forderungen des nördlichen Winters behaupteten. Die Bilder legen blutige, kaum je sichtbare Landschaften frei und erinnern an die klassische Bildgattung, so wie sie Augsburger an einer herbstlichen Moorgegend vorführt. Die Analogie zwischen der Auslegung von Organen und jener Landschaft, aus der eben dieses Tier hervorgegangen ist, sie ist besonders auch fotografischer Art: Anders als die Whiteouts sind die Eingeweide bildgebend, und sie halten still vor dem Objektiv, so wie es die Landschaften seit den fotografischen Anfängen tun.
steps. Die vorliegende Arbeit entbehrte ihres existenziellen Moments, würde sie auf die Dokumentation ihrer Entstehung verzichten. Eingegraben in Schneewechten, hat Bruno Augsburger bei Temperaturen von bis zu minus dreissig Grad biwakiert. Nur bestes Equipment garantiert das Auskommen unter solchen Bedingungen. Die Bilder des Schlafsacks im Schnee weisen nicht nur auf die Differenz zwischen dem Wunsch nach Archaik und der neuesten Technik, die beide den Fotografen auf seinen Expeditionen Schritt für Schritt begleiten: sie geben auch Zeugnis vom Wiedererwachen am anderen Morgen. Der Gedanke des Fort- resp. Überlebens, so wie ihn Augsburger im Yukon am eigenen Leib gewonnen hat, versetzt die Bilder von Eingeweide und Whiteout mit jenem kräftigen Ausdruck, dessen eine Ästhetik des Schönen entratet. white blood steps ergründet die Gewalt der Natur – mit menschlicher Fassung.
Thomas Forrer, Zürich
Ins Bild zu bringen, was sich dem Blick entzieht: In seiner Arbeit white blood steps wendet sich Bruno Augsburger neuen fotografischen Verfahren zu und bringt diese – quasi als Experiment – im kanadischen Yukon zur Anwendung. In früheren Arbeiten des Fotografen war die Kluft zwischen Bild und dem unmittelbaren Erlebnis auf seinen Streifzügen durch die nördlichen Wälder massgebend. Im Zentrum stand die sehr persönliche Beschäftigung mit der Erfahrbarkeit von Natur. Nun radikalisiert Augsburger seine Perspektiven und wirft Fragen nach der Darstellung auf, welche auch die Technik der Kamera unmittelbar betreffen. Dafür wählt er die Themen „Whiteout“ und „Elchjagd“. An ihnen zeichnen sich die Extreme des eisigen Nordens ab.
white. Als „Whiteout“ wird die diffuse Helligkeit bezeichnet, die sich bei schneebedeckter Umgebung und gedämpftem Tageslicht einstellt. Wenn Himmel und Boden ineinander übergreifen und die Konturen verschwinden, befällt den Menschen das Gefühl, sich in einem unendlichen Raum zu befinden. Wegen des drohenden Orientierungsverlusts bildet das Whiteout ein gefährliches Phänomen, das in erster Linie den Menschen, aber auch die Kamera an ihre Grenzen führt. Ein Whiteout zu fotografieren – Augsburger hat im Yukon mehrere erlebt –, das stellt vor die Aufgabe, die Bildlosigkeit ins Bild zu bringen. Keine Farbstufen und keine Formen bestimmen die Belichtung, und doch bedarf es der Anspielung aufs Bild, um eine Ahnung vom Verlust des Motivs und der Unzulänglichkeit der Technik zu geben.
blood. Dem Moment der Desintegration stellt Augsburger die innerste und kostbarste Materie der kanadischen Schneelandschaften gegenüber. Der warme Leib des frisch erlegten Elchs hält die Lebensenergie gebündelt, dank welcher das Tier und einst auch der jagende Mensch sich gegen die Forderungen des nördlichen Winters behaupteten. Die Bilder legen blutige, kaum je sichtbare Landschaften frei und erinnern an die klassische Bildgattung, so wie sie Augsburger an einer herbstlichen Moorgegend vorführt. Die Analogie zwischen der Auslegung von Organen und jener Landschaft, aus der eben dieses Tier hervorgegangen ist, sie ist besonders auch fotografischer Art: Anders als die Whiteouts sind die Eingeweide bildgebend, und sie halten still vor dem Objektiv, so wie es die Landschaften seit den fotografischen Anfängen tun.
steps. Die vorliegende Arbeit entbehrte ihres existenziellen Moments, würde sie auf die Dokumentation ihrer Entstehung verzichten. Eingegraben in Schneewechten, hat Bruno Augsburger bei Temperaturen von bis zu minus dreissig Grad biwakiert. Nur bestes Equipment garantiert das Auskommen unter solchen Bedingungen. Die Bilder des Schlafsacks im Schnee weisen nicht nur auf die Differenz zwischen dem Wunsch nach Archaik und der neuesten Technik, die beide den Fotografen auf seinen Expeditionen Schritt für Schritt begleiten: sie geben auch Zeugnis vom Wiedererwachen am anderen Morgen. Der Gedanke des Fort- resp. Überlebens, so wie ihn Augsburger im Yukon am eigenen Leib gewonnen hat, versetzt die Bilder von Eingeweide und Whiteout mit jenem kräftigen Ausdruck, dessen eine Ästhetik des Schönen entratet. white blood steps ergründet die Gewalt der Natur – mit menschlicher Fassung.
Thomas Forrer, Zürich





