Judit Villiger, Galerie Römerapotheke

Judit Villiger

Welt/Hirn und Gesicht
Geheimnisvoll sind die Miniaturmodelle von Judit Villiger, die sich auf den beleuchteten Oberflächen von mehreren tischförmigen Sockeln ausbreiten. Im Schein des kühlen Lichts wirken sie, als stammten sie direkt aus dem Cyberspace: hier aufgetürmte Atlanten mit wasserblauen Weltkugeln, dort eine umgekippte Vase, aus der sich eine braune Flüssigkeit ergiesst. Eine Hand greift nach einem Gestirn. Anderswo halten zwei Hände ein Gehirn, das von einer Silhouette umfasst wird. Eigenwillig ort- und zeitlos erscheinen die rätselhaften Bildfindungen.

Judit Villigers Ansatz im Bereich der Skulptur ist innovativ und keck. Bereits ihr «Musée imaginaire» hatte hohe Beachtung gefunden, als die Künstlerin Details aus vierzehn weltberühmten Kunstwerken verschiedener Stilepochen «abkupferte» und als faustgrosse Skulptur in Epoxidharz nachbildete. Die Plastikerin, die jede Skulptur in Wachs formt, neuerdings in der Giesserei herstellen lässt und anschliessend handbemalt, hat sich nachgerade auf die Grösse des Taschenformats spezialisiert.

In ihrer neuen Arbeit dehnt die Künstlerin ihren Ansatz auf die zeitgenössische Kunst aus. Denn auch die Miniaturmodelle sind aus dreidimensionalen Objekten aufgebaut, deren Sujets aus der Kunst- und Kulturgeschichte entlehnt und ins Hier und Jetzt übersetzt sind. Befreit von der Last ihrer Herkunft wirken die Bausteine der hybriden Gebilde anonym und fremd. Während sie einerseits ihre eigentliche Identität verbergen, kommen andererseits Ahnungen auf. Ihr Geheimnis geben sie jedoch nicht preis. Oder doch? Erinnert uns das Muster des Tuchfragmentes an die türkischen Tischdecken in den Bildern des Jan Vermeer? Und die Essiggurken vielleicht an die parodistischen Arrangements von Fischli und Weiss?

Judit Villigers Kunst ist ein gewissenhaftes Experimentieren mit künstlerischen Motiven und Konzepten, mit Identität und Verfremdung, mit Regeln des Sich-Zeigens und der Maskerade. Dabei greifen Ernsthaftigkeit und Witz, Spiel und Vergnügen ineinander. Villigers Kunst ist auf humorvolle Weise kommunikativ, vergleichbar jener von Fischli und Weiss. Sie ist aber auch geprägt von scharfem und präzisem Hinsehen, so wie es seinerzeit Jan Vermeer vorgemacht hat. Manchmal verwandelt die Perspektive die Dinge in geheimnisvoller Weise, so wie wir es von den «unmöglichen Welten» M.C. Eschers her kennen. Oder die beredete Bildlichkeit der Epoxid-Objekte erscheint zergliedert und anamorph wie die Suchbilder von Markus Raetz.

Wie bei einem Karteikartensystem bilden die Ölmalereien in der Ausstellung schliesslich die einzelnen Bausteine ab und zeigen das gesamte Inventar aus dem die Miniaturmodelle zusammengesetzt sind.

Dem erzählerischen Skulpturen- und Bilderkosmos von Judit Villiger ist etwas Offenes eigen. Er ist nirgendwo abgeschlossen, kennt keine Grenzen und Barrieren und könnte sich in alle Richtungen ausbreiten. Er ist für jedermann zugänglich. Er lässt der schöpferischen Initiative Raum und fordert die Neugierigen zu reizvoller Spekulation und Genuss heraus.

Kathrin Frauenfelder, Kunsthistorikerin, Zürich
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