Vera Ida Müller

Verschenkte Erinnerungen

Fotografische Erinnerungen oder „Föteli", wie wir etwas despektierlich die festgehaltenen Augenblicke aus unserem Familienleben nennen, sind ein fester Bestandteil unserer Kultur. Zu hunderten lagern sie in liebevoll gestalteten Fotoalben, in Diakästen und Schachteln und sind bleibende Dokumente unserer Vergangenheit. Sie erzählen von der Verlobung der Grosseltern, dem Tanz der Braut mit dem Schwiegervater, der Taufe des Erstgeborenen und dem Warten aufs Christkind. Sie erinnern uns an unsere ersten Skierlebnisse, an die Campingferien an der Adria oder an den neu gekauften Peugeot 504. Sie berichten vom Eintritt in den Kindergarten, vom feierlichen Ausblasen der Geburtstagstorte und den sonntäglichen Spaziergängen mit Tante, Onkel, Cousins und Cousinen.

Die Abbildungen dieser Familienrituale sind wichtige Stützen unserer Identität.

Sie zeigen und helfen zu erinnern, woher wir kommen und wer wir sind. Erst wenn wir sie nicht mehr brauchen oder diejenigen, die sie gehortet haben, gestorben sind, landen die Aufnahmen von einst auf dem Speicher oder im Keller. Und ist der Bezug zu den Menschen, die Inhalt der Bilder sind, einmal nicht mehr vorhanden, dann, wenn längst das Vergessen eingesetzt hat, so verlieren die Abbildungen ihre Bedeutung. Sie werden entsorgt, gelangen mit anderem Haushalt ins Brockenhaus oder auf den Flohmarkt.

Eben dort hat Vera Ida Müller eine ganze Tragtasche voller Erinnerungen geschenkt bekommen, vielleicht aus Grosszügigkeit oder aus der Freude heraus, dass jemand sich dieser ehemaligen Schätze aus Familienbesitz annimmt und für sie eine neue Verwendung findet.

Die so erhaltenen Abbildungen hat die Künstlerin als Vorlagen für ihre neuesten Arbeiten verwendet und in Anlehnung an das Erlebte hat sie sie „verschenkte Erinnerungen" benannt.

Aus diesem reichen Fundus wählte sie geeignete Vorlagen aus und malte sie mit Ölfarben über mehrere Schichten hinweg auf weissen Untergrund. Die Inhalte der Abbildungen wurden dabei aber stark manipuliert. Durch geschicktes Weglassen des Hintergrundes, durch Verwischen der Konturen und Übermalen einzelner Bildelemente entstanden stille, unspektakuläre, kleinformatige Bilder von Gegenständen, Architekturen und maskenhaft wirkenden Menschen oder Tieren. Einzelne Figuren wurden nur teilweise gezeichnet, da fehlen ein Arm, dort die Beine. Aus einer Gruppenaufnahme löste die Malerin etwa einzelne Personen ganz heraus, so dass der Knabe vorne im Bild plötzlich ganz alleine da steht. Durch diesen für Vera Ida Müller Malerei typischen Vorgang erlangen die Bildinhalte eine neue gesteigerte Bedeutung. Unschärfe und verunklärte Konturen geben dem Auge keinen Halt mehr und lassen es in die Tiefe schweifen. Das Ehepaar, das sich im Bildhintergrund verliert, die Frau mit Krüken, die im Nirgendwo steht, der Junge, der ungelenk mit seinem Hund spielt, sie alle werden zu bildhaften Verkörperungen von verstecktem, Verhaltenem und Unausgesprochenem und entziehen sich einer konkreten Benennbarkeit.

Vera malt aus dem Reservoir dieser Erinnerungen heraus, still, unspektakulär. Die Konturen hat die Künstlerin ihren Bildern ausgetrieben; sie wirken, als seien sie verblichen oder in Auflösung begriffen und zeigten die Unschärfe einer Wirklichkeit, die nur noch Erinnerung ist. Es geht ihr nicht um das Abbild der Wirklichkeit, sondern um die Verbildlichung der inneren Bilder, der Er-inne-rung. Erst die malerische Umsetzung der Fotografien - ein langsamer oder genauer gesagt ein langatmiger Prozess der Annäherung an den Kern des Bildes - ermöglicht die Atmosphärische Aufladung. Und bruchstückhaft, diffus und in sich gekehrt, zeigt Veras Arbeit gerade das, was sie nicht zeigt. Wenn fast nichts mehr zu sehen ist, sieht man fast alles, thematisiert sie das Verschwinden des Bildes und macht es damit zu Projektionsfläche für selbst Erlebtes. Die Bilder, die wir sehen, sind still, erstarrt und leer und überlassen es ganz uns Betrachtenden, darin zu lesen. In den wie beiläufig gemacht wirkenden Gemälden erkennen wir unweigerlich Fragmente aus den eigenen Bildern der Vergangenheit. Sie wecken unsere Erinnerungen an Erlebtes, wie an das seltsam wichtige Detail eines Traums oder die unerreichbare Wichtigkeit eines verwurzelten Kindheitsbildes. Die pastose Farbgebung lässt sie wie Erinnerungsfetzen wirken.

 

Bilder wie die Vorlagen, die die Künstlerin verwendet, sind zugleich Metapher und Medium unseres Gedächtnisses. Roland Barthes spricht etwa vom Zauber der Fotografie als einer Auferstehung der Toten. Die Fotografie ist für uns alle der Authentizitätsbeweis unserer Erinnerung und stützt unser Gedächtnis. Oft überlagert sie jedoch die eigentliche Erinnerung. So kann ich heute nicht mehr auseinanderhalten, ob ich mir durch die wiederholte Anschauung des Bildes meine Erinnerung erst geschaffen habe. Wir erinnern uns an vieles in dem Masse, wie wir Anlässe finden, davon zu erzählen. Denn je öfter man etwas erzählt, desto mehr erinnert man sich an die Worte, mit denen man zuvor davon erzählt hat. Und dennoch sind Bilder als Beweis des Erlebten für uns Individuen notwendig, um unsere Erfahrungen zu bewerten und sich in der realen Welt zu verankern.

Und genau so trügerisch wie die vermeintliche Authentizität unserer Erinnerung ist diese Malerei. Denn hier geht es nicht um Malerei als Malerei, sondern um den ins Bild gebrachten Verlust oder die Infragestellung der Möglichkeit, sich überhaupt ein Bild von den Dingen, Situationen und Themen zu machen. Betäubt wirken die Figuren, Menschen wie Larven - unanwesend, melancholisch, apathisch, maskiert. Es ist ein Spiel mit den Befindlichkeiten, der Gefühlsirritation und lauernden Ahnungen. Und dem Verdacht, dass die Bilder, die wir sehen und in uns haben, nicht sind, was sie sind, uns nicht die letzte Wahrheit zeigen, dass dahinter Abgründe harren, Verdrängtes, Vergessen-sein-wollendes. Vera Ida Müllers Malerei ist Reflexion über Abbild und Bild; und vor ihren Bildern wird der Blick des Betrachters wie von einem Spiegel zurückgeworfen und richtet sich nach innen, auf einen selbst. Eine Intensität der Stille, eine ausgefüllte Stille oder Leere. Luc Tuymans, ein belgischer Künstler und Vera, so wage ich zu behaupten, verwandt im Geiste, sagt dazu:

„Ein gutes Bild zeichnet sich dadurch aus, dass der Betrachter ihm noch etwas hinzufügt. Ein bereits ganz ausformuliertes macht keinen Sinn mehr. Deshalb ist es entscheidend, dass man sich als Maler zurück nimmt und irgendwo, also genau da aufhört, wo noch etwas unformuliert bleibt. Genau an dem Punkt kommt der Hang zu Reduzieren ins Spiel. Diese Komponente wird bei der Malerei immer wichtiger. Die Dauer der Aufmerksamkeit gegenüber einem Bild im Museum beträgt ja nur fünfzehn Sekunden. Deshalb ist es nötig, ein Bild bis auf den Punkt zu reduzieren, wo es noch oder nicht mehr fassbar ist. Denn genau da befragt der Betrachter das Bild."

 

Das letzte Wort aber gehört der Künstlerin selbst. Vor zwei Jahren, erst zweiundzwanzig jährig, sagte zu ihrer Arbeit: „Mein Ziel ist es, dem Betrachter die Möglichkeit zu geben, sich mit dem Bild zu vereinen.

Sich zu erlauben, es als wunderbar zu empfinden, eine Geschichte, Vergangenes oder Aktuelles, vielleicht auch sich selbst zu erkennen.

Ich lasse Schönheit und Brutalität sich überschneiden, verführe dazu sich für das Eine zu entscheiden. Genau in diesem Moment vollendest du das Bild zum Neuen, allein durch dein Empfinden."

 

Dorothee Messmer

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