Judit Villiger, Galerie Römerapotheke

Judit Villiger

Les friches du Château rouge
Projekt Zürich4 - Paris18

von Christoph Ullmann
Juli 2006

Les friches du Château rouge

Zum vielgestaltigen 18. Arrondissement gehört das schicke Montmartre-Quartier ebenso wie die Goutte d’Or, das in den Romanen von Emile Zola beschriebene Arbeiterviertel am damaligen nördlichen Stadtrand von Paris. Die Goutte d’Or wiederum teilt sich heute in einen vorwiegend von Maghrebinern bewohnten Süden und den bunten Norden, Château rouge genannt. Hier leben Immigranten aus allen Ländern Schwarzafrikas und immer mehr auch aus Ostasien und Osteuropa. Eine beträchtliche Zahl dieser Immigranten hält sich ohne Papiere in Frankreich auf, schwer zu schätzen wie viele, weil sie naturgemäss nur als Dunkelziffer existieren. Manche von ihnen hausen in baufälligen Liegenschaften oder Abbruchhäusern. Die Ära Delanoé hat einen grossen Sanierungsdruck ins Château rouge gebracht. Strassenzüge verwandeln sich in Baugruben oder werden von Häuserbrachen durchbrochen, welche oft längere Zeit als Wunden in den Häuserzeilen bestehen bleiben. Auf den ersten Blick Leerstellen, füllen sich die Brachen bei näherer Betrachtung mit Geschichte, lesbar in den Spuren, die sich noch an den Wänden der stehen gebliebenen Nachbarhäuser befinden: Wandkacheln, Tapeten, Umrisse der verschwundenen Bauten. Und hinter den sichtbaren Spuren steht die Frage nach dem Schicksal der Bewohner – Sans-papiers haben keinen Anspruch auf Umsiedlung – und den Absichten der Planer.

Diese Ungewissheiten geben den Anstoss zum künstlerischen Projekt  „Les friches* du Château rouge“. Die drei Wochen Aufenthalt im Quartier sind erst eine vorsichtige Orientierung mit dem Stadtplan, die aber zu einer immer intensiveren Spurensicherung wird mit Notizbuch, Fotoapparat und Videokamera. Dutzende von Interviews konkretisieren das Thema, und die Kameras fokussieren je länger je mehr alles, was auf den Umbruch hinweist. Die fotografische Bestandesaufnahme wird ergänzt und bestätigt durch die Sanierungspläne der Stadtverwaltung.

Nach der Rückkehr in die Schweiz folgt die Umsetzung. Die Brache, der Leerraum, der Schwebezustand zwischen dem Gewesenen und dem Werdenden, bekommt seine dreidimensionale Entsprechung im Modell 1:100. So wird die Leere wiederum zum Innenraum, zur verstörenden Puppenstube. Die Umsetzung erfolgt aus gesammelten Materialien: Karton, Papier, Folien, eingefärbt mit Gouache und Bleistift. Die dünnen Eisenstäbe, auf denen die Skulpturen installiert sind, verweisen auf die Armiereisen der realen Baustellen. Fragil ist das Material, wie auch die Realität alles andere als stabil ist.

*La friche = die Häuserbrache, die Industriebrache
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