Iris Kettner

Der erste Blick
Der erste Blick auf die Gestalten von Iris Kettner bietet einen scheinbar vertrauten Anblick: Hier ein sich umarmendes, küssendes junges Paar (Paar 2002), vielleicht ein bischen frech-öffentlich in ihrer Verliebtheit. Oder die Installation „Superheroes“, (2005) Einzelpersonen in eher unauffälliger Kleidung, die auf dem Bahnsteig einer U-Bahn Station auf den nächsten Zug zu warten scheinen. Oder „Gang“, eine Gruppe Kinder unterschiedlichen Alters, die in merkwürdiger Weise vor einer Wand stehen. Mit einem hohen Maß an Illusionismus, so scheint es, beschreiben die Figuren alltägliche Situationen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit von Menschen in der Großstadt. Dabei ist das jeweils Typische zielsicher formuliert, sodass ein schneller, flüchtiger Blick zu genügen scheint, um das Wesentliche der Figur oder Gruppe zu erfassen. Ja es geht sogar noch weiter: der menschliche Ausdruck in der Haltung der Gestalten stellt Beziehung her, provoziert ad Hock direkte emotionale Anteilnahme.

Dabei ist die Inszenierung dieser Illusion alles andere als perfekt: Iris Kettner verschweigt nichts, sie legt Ihre Mittel offen, baut Leerstellen und Irritationen ein. So zeigen die Figuren unverstellt, dass sie aus alten, ausgestopften Kleidungsstücken und Textilien gefertigt sind. An der Stelle eines Gesichts „blicken“ uns alte Stofflappen oder Skimasken entgegen. Außerdem bleiben die Nähte der Hosenbeine, Ärmel oder Rückenpartien, die auf die passende Größe zusammengesteckt oder aufgepolstert werden müssen, jederzeit sichtbar. Dieser quasi „skulpturale Umbau“ der vorhandenen Kleidungsstücke ist auch deshalb nötig, da Kettner in Bezug auf die Größenverhältnisse eine Modifizierung einschleust. Die Figuren sind zu zum Teil kleiner, als sie es real sein müssten.

Aber gerade diese sichtbare „Gemachtheit“ legt den Widerspruch offen: was wir für real hielten, funktioniert nur in der Übertragung, als Illusion in unserem Kopf. Woran erinnert die Gruppe (Gang#2, 2005) der so echt, so lebendig wirkenden Kinder und warum stehen sie mit dem Gesicht zur Wand? Welche Vorstellungsbilder beschwören die einsamen „Superheroes“ herauf, die statt Gesichter Masken wie Comic-Helden tragen und auf dem fast leeren U-Bahnsteig Gewaltattacken von jugendlichen Passanten gegen sich provozieren?
Tatsächlich sind es Vor-Urteil und Klischees, die von den reduzierten, typisierten Figuren hervorgerufen werden und auf sie als Vorstellungsbilder zurückfallen: Alltagsbeobachtungen und vor allem die Erfahrung medialer Codes sind in die Gestaltwerdung eingeflossen und führen zu vertrauten Ikons. Aber dem flüchtigen, ja schablonenhaften Wiedererkennen von Figuren und Konstellationen widerspricht die emotionale Berührung, die von ihnen ausgelöst wird. So entsteht ein komplexes Hin und Her aus Ferne und Nähe, aus Abwehr und Anteilnahme. Bewusst uneindeutig und vielfältig interpretierbar bieten die Figuren Raum für unterschiedlichste Gefühle, sind sie letztlich Projektionsfläche und Spiegel eigener Emotionen.

Elke Keiper

Leiterin Städtische Galerie Waldkraiburg, Februar 2007
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